Ungemalte Bilder

Metaphysik der Dose

,,Ungemalte Bilder" von Hans-Jörg Dürr „T17'' in Fürth - Anstöße für Selbstdenker


„Machen Sie sich selbst ein Bild", fordert der Künstler den Besucher seiner Ausstellung auf. So direkt wird der von Natur aus eher passive Kunstkonsument selten an seine Aufgabe als Betrachter erinnert, und in der engen Galerie T 17 (Theaterstraße 17) gibt es schon räumlich gesehen keine Möglichkeit, sich dem zu entziehen.

Die hier präsentierten Denkanstöße des Nürnberger Künstlers Hans-Jörg Dürr machen die Mühe des selbsttätigen Betrachtens jedoch angenehm. Denn trotz der auf den ersten Blick sehr sparsamen Ausstattung gibt es hier eine ganze Menge zu entdecken.

Zu verdanken ist diese Schau der „ungemalten Bilder" (so der Titel) - die »gemalten" werden ab 31. Oktober dann in der Galerie am Theater zu sehen sein - der Sammelleidenschaft Dürrs. Als er 1983 zusammen mit Freunden im Wohnmobil zur Biennale nach Venedig fuhr, machte er auf einem Lastwagenparkplatz vor der Lagunenstadt Station, der sich zur ästhetischen Spurensuche geradezu anbot.

Plattgewalzte Dosen in allen Farben und Formen lockten den mit Förderpreisen reich dekorierten Vater des Nürnberger „Kunstquartiers".

Sieben Jahre lang ruhte der Altmetall-Fund in Plastiktüten, ehe sie Dürr jetzt auspackte und bei „T 17“ reihum an die Wand nagelte. Unter dem Druck des automobilen Zeitalters haben die Dosen ihre dritte Dimension verloren. Oben und unten, hinten und vorne sind eins geworden. Für sich genommen ist es Schrott, durch die gedankliche Arbeit wird es Kunst.
  
Die Leistung von Hans-Jörg Dürr liegt im Hinterfragen, in der Sensibilisierung für scheinbar Gewöhnliches. Der Betrachter hat es in der Hand, Künstlichkeit zu erzeugen, er ist als aktives Element für die Kreativität zuständig. Am deutlichsten wird das bei jenem Diaprojektor, auf dem das eingangs schon erwähnte Schild klebt. Die von ihm ausgestrahlten Bilder sind auf dem dunklen Hindergrund der Wand nur noch schemenhaft erkennbar. Erst wenn man sich einen der herumliegenden weißen Karton greift und ihn in den Lichtstrahl zwischen Linse und Wand hält, bekommen die Bilder Konturen. Dabei können Bildausschnitt und Perspektive beliebig verändert werden.

Zum Spielen in Gedanken verleitet auch ein Glaskasten mit sonderbaren Seetangklümpchen. Jeder Mittelmeerurlauber kennt sie, doch niemand weiß, wo sie eigentlich herkommen. Sind es Erdölklumpen, aus denen die flüssigen Bestandteile verdampften, oder handelt es sich um Verdauungsprodukte eines mysteriösen Seehasen? Fragen dieser Art sind durchaus bezweckt. Auch die Wasserbilder von Hans-Jörg Dürr öffnen die Augen für Metaphysisches. Bisher hat der Künstler erst einmal - in Köln - ein ähnliches Ausstellungsprojekt gestaltet. Als Maler verabschiedet er sich Ende des Monats in der „Galerie am Theater“ vom Fürther Publikum: Hans-Jörg Dürr hat sich bei Biarritz ein feudales Schloß zugelegt, wo er künftig residieren wird.


di.
Fürther Nachrichten,  11. 1990


Spielplätze der Phantasie

Von Franken nach Frankreich - Eine Abschiedsausstellung mit Arbeiten von Hans-Jörg Dürr


Als Prototyp eines freischaffenden Künstlers hält sich Hans-Jörg Dürr stets fern von Anbiederungen und faulen Kompromissen. Die Entscheidung, nach Frankreich auszuwandern, fiel dem gebürtigen Erlanger angesichts der doch sehr beschränkten Entfaltungsmöglichkeiten in der mittelfränkischen Region nicht allzu schwer. Bevor er aber sein Nürnberger „Kunstquartier" räumt, verabschiedete er sich - man beachte die Lokalspitze - mit einer intelligenten Doppelausstellung in Fürth.

Den Auftakt machte eine Studie über Venedig, die von der kleinen Galerie T17 unter dem Titel »Ungemalte Bilder" gezeigt wurde. Die „gemalten" sind jetzt in der Galerie am Theater zu besichtigen (bis 31. November). Beide Projekte wenden sich an aktive Betrachter, wollen spielend erfahren werden. Dürr fordert die Besucher auf, sich selbst ein Bild zu machen. Nichts stört ihn mehr als Vorgefertigtes.

Seine Arbeiten sind ein kraftvoller Angriff auf Schemata, Muster und Klischees. Sie lehren das Staunen über die Reichhaltigkeit des kreativen Vokabulars. Hans-Jörg Dürr hat die Sammelleidenschaft als menschlichen Urtrieb kultiviert: Auf einem Lastwagenparkplatz vor Venedig klaubte er vor sieben Jahren ein ganzes Arsenal plattgewalzter Blechdosen zusammen, die er jetzt der Reihe nach an die Wand der Galerie T14 pinnte - zur Reflexion über die Räumlichkeit der Dinge. Der Schlüssel zum Verständnis von Kunst liegt für Dürr in der Auseinandersetzung, wobei es gar nicht so sehr auf das Objekt als vielmehr auf die kreative Betrachtung ankommt.

Besonders gern greift der Erlanger Kulturförderpreistrager von 1988 auf Vorgefertigtes zurück. Waren es bei T17 die Blechdosen und eine Serie teilweise übermalter Ansichtskarten von Venedig, so sind es in der Galerie am Theater alte Originalfotografien von Franz Hanfstaengl (1804 bis 1877), die er ohne Rücksicht auf Verluste verfremdet. Der Münchner Lithograph und Foto-Pionier widmete sich im Auftrag des Staates zusammen mit seinem Sohn Edgar insbesondere der Dokumentation großer Werke alter Meister.  Im  nassen  Kollodiumverfahren  entwickelte Hanfstaengl eine für damalige Verhältnisse frappierende Originaltreue, wobei natürlich Nachretusche nötig war.

Bilder von Rembrandt oder Frans Hals bilden in historischen Fotografien den Hintergrund für Dürr's stark vereinfachende Kommentare. Dazu überdeckt er Teile der Vorlage und ritzt dann wieder Konturen und Schriftzuge ein. Nichts erstarrt so in ehrfurchtsvollem Respekt – eine Haltung, die Hans-Jörg Dürr gegen den Strich geht.

Die Entstehungsdaten mancher seiner Bilder deuten auf verschiedene Stadien der Arbeit hin. Konsequent vermeidet er den Anstrich des Endgültigen. Besonders kommt ihm dabei die Collagetechnik entgegen. Aus verschiedenen Versatzstücken baut Hans-Jörg Dürr Bilder auf, die sehr vielschichtig und komplex werden können, mitunter aber auch sehr elementar bleiben. Nie artet Dürr’s Spiel mit Formen und Flachen in ornamentale Platitüden aus.

Drei Objektkasten zeugen von der Experimentierfreude des Künstlers. Mit Fundsachen aus dem Alltag komponiert er Spielplätze für die Phantasie. Hans-Jörg Dürr öffnet dem Betrachter auf vielfältige Art die Augen für die Metaphysik des Profanen. Seine Leistung liegt in dieser Sensibilisierung und im Hinterfragen.

Bevor sich Hans-Jörg Dürr auf ein feudales 30-Zimmer-Chateau bei Biarritz zurückzieht, organisiert er zusammen mit Renate Schmidt und Johannes Schmidbauer im Kunstquartier an der Nürnberger Austrasse noch eine Grafik-Ausstellung „Für Oskar", die Peter Glotz am 25. November eröffnen wird. Nicht weniger als 40 Künstler beteiligen sich an dem großen Showdown in Nürnberg.


Volker Dittmar
Nürnberger Nachrichten, 13.11.1990



Playgrounds of Imagination


(an article by Volker Dittmar in Nürnberger Nachrichten, 13.11.1990)

From Frankonia to France — the good-bye-exposition with works by Hans-Jörg Dürr

Hans-Jörg Dürr, an archetypal freelance artist, has always managed to keep himself off from ingratation and shady compromises. The decision to emigrate to France was no hard work for the artist, born here in Erlangen, taking into consideration the, well, limited range of artistic development the frankonian region would have granted him. Before clearing his „Kunstquartier“, his „Art-Quarters“, situated in Nürnberg, he said good-bye in an intelligent but tricky double exposition in Fürth, the neighboring and always rivalling town.

First act: Studies on Venice, exposed in T 17, a small gallery. The title „Unpainted pictures“. The „painted ones“ are shown later in the Gallery at the Theatre (to November 31). Both projects are designed for the „active viewer“, they want to get consumed playfully. Dürr invites the viewers to produce their own pictures. Nothing is more annoying to him than prefabrication.

His works are a vigorous attack on schemata, on patterns and clichés. So amazing the abundance of their artistic vocabulary. Hans-Jörg Dürr has cultivated the human innate drive to collect: On a parking ground for trucks he picked up quite a collection of battered and flattened tins, which he pinned up to the wall in T17 – challenging the visitor to reflect upon the problem of three-dimensionality. Dürr firmly believes that those who want to find the key-notion of what art is, must get involved in intense personal comitment to art. What matters is less the object of art itself, but creative examination.

Dürr, who was awarded a sponsorship, likes to work with ready-mades. In T17 he showed the flattened tins, or a series of postcards of Venice which he used as „canvas“ to paint on them. Now, in the Gallery at the Theatre, he uses original historical photographies by Franz Hanfstaengl (1804 – 1877) and as well paints new motifs over them, regardless of the fact that he „destroys“ originals produced in a so-called collodion procedure, which is a quite painstaking affair. Born in Munich, the then famous lithographer and pioneer of photography, on behalf oft he Bavarian Kingdom dedicated himself completely to reproducing masterpieces of art, at that time very close to the original. Dürr uses his fotos showing pictures by Frans Hals or Rembrandt as background to his additional painting, into which he then scratches contours and letter-like lines, which may serve as a kind of comment on the artists. In this way he intentionally expresses his outright disregard of any respect for famous people – since he detests any kind of reverential attidude towards celebrities.

Differing dates on the bottom of some his works indicate different phases of his work process, thus aoviding any finalization. In order to reach this aim, he frequently uses the collage-technique: He playfully composes complex and miscellaneous pictures by integrating disparate pieces, pictures that never appear just stale decorative.

Three „object chests“ give evidence of the artist‘s cheerful disposition for experimenting. He builds „playgrounds of imagination“ by arranging quite ordinary findings of our everyday life, thus making people aware of the metaphysical aspect of profanity. His most invaluable asset is the ability to sensitize people and to make them examine critically what they plainly see.

Before withdrawing into exile, into a glamorous „château“ with thirty rooms, Hans-Jörg Dürr realizes his final show-down, an exhibition with no less than 40 artists in his „Art-Quarters“.