Gesten / gestures

2011 - 2017
26,5x20 cm Hahnemühle Bütten 300g
gerahmt 32,5x26,5 cm
Serie von mehreren hundert Arbeiten
Mischtechnik. Manche leuchten im Dunkeln



Really not bad, if you, while painting, forget all about being considerate – considerate above all towards you yourself. I think it would be simply great to be reckless – reckless towards you and towards others. But don’t be malicious.



…Nicht schlecht ist es, wenn du beim Malen nicht mehr weißt, was das wäre: rücksichtsvoll sein; vor allem gegen dich selbst. Es muß dir durch und durch gut tun, rücksichtslos zu sein. Gegen dich und alle. Aber nicht bösartig. Bösartig sein, heißt zielen, zielsüchtig sein; bösartig sein verkürzt die Wege, die das Malen, wenn es von keinem Ziel weiß, zu einer Art Seligkeitspraxis werden lassen. Was man in sich hat, weiß man nie. Man erfährt es durch das Gestalten. Wenn man sich am Tag eines Traums vergewissern will, kann man, wenn man sich dem Traum zu direkt, zu ausbeuterisch, also zu traumdeuterisch nähert, den Traum zerstören. So auch beim Malen. Was in uns mit Erfahrungen passiert, können wir nicht bestimmen. Malen ist eine passive Tätigkeit. Ein Entgegennehmen. Man ist nicht der Kommandeur der Leinwand, der die Einfälle herpfeift, sondern der, der so gestimmt ist, daß die Kunst eine Chance hat. Deine Kunst. Jeder hat seine Kunst. Wenn er sich nicht ablenken läßt. Wenn er auf sich hört. Dem Gestalten folgt ja etwas Sichtbares. Auf jedem Fall eher etwas Sichtbares als etwas Gesehenes. In dem, was da sich einstellt, begegnet man sich. Man erfährt mehr über sich als man gewußt hat. Wenn man nicht malt, muß man sich mit dem zufrieden geben, was andere über einen wissen, was man von anderen über sich erfährt.

Die Bilder, die ich male, sagen mir etwas, was ich, bevor ich diese Bilder schuf, nicht gewußt habe. Gestaltung ist also ein Produktitonsmittel. Allerdings eins, über das man nicht Herr ist. Es wäre schön, wenn man immer Zeichnen oder Malen könnte. Natürlich muß das, was man macht, überraschend sein für den, der es tut. Er muß sich andauernd wundern können über das, was da, ohne daß er Herr des Verfahrens ist, aus seiner Hand aufs Papier kommt. Hervorbringend weiß man nicht, was Gut und was Böse ist. Wenn jemand zeichnet, der weiß, was Gut und was Böse ist, ist die Gefahr groß, daß er das merken läßt. Dann muß er eigentlich nicht weiterzeichnen. Er wird dann nicht mehr verbergen können, daß er sich, da er über Gut und Böse Bescheid weiß, gerechtfertigt vorkommt. Dann muß er erst recht nicht weiterzeichnen. Während ein durchschnittlicher Mangel an Gerechtfertigtheit ein guter Energiequell ist. Glücklich zu sein, ist auch nicht nötig. Glücklich- und Unglücklichsein sind touristische Zustände, die man passieren muß; der Schaffende will seinen Zustand selber produzieren, und der hört dann nicht auf diese meteorologische Wortware Glück-Unglück. Unendlich bedürftig ist man. Deshalb will man unendlich tätig sein. Gestaltend…

Hastingues im Oktober 2010
Frei nach Martin Walser